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Interview mit Kongressreferent Ulrich Schaffer

Ulrich Schaffer wird an mehreren Tagen des Kongresses „Kairos – Den Wandel gestalten“ sprechen, wir waren neugierig und haben ihn zu seinen Vorträgen und Workshops interviewt.

Herr Schaffer, der diesjährige Kongress wird unter dem Motto „Kairos – Den Wandel gestalten“ stehen. Wie definieren Sie Kairos?
Kairos ist, den Moment zu merken, wenn die größtmögliche Potentialität “ergreifbar” wird. Es ist der Moment, in dem sich das zu öffnen scheint, wovon ich geträumt habe und dass ich darum zupacken muss. Zu begreifen, dass alles Entfaltung ist, also Prozess, Werden. Zu spüren, was werden kann, und welches dabei der eigene Beitrag ist, beziehungsweise sich selbst aktiv und bewusst hineinzugeben in dieses Werden.
Jeder Prozess hat eine Art inwendiger Uhr, die es zu entdecken gilt. Bei einem Entfaltungsprozess, besonders wenn es um das Differenzierte eines Menschen geht, kann man nicht Zeit und Stunde festlegen, wann was zu passieren hat. Leben entfaltet sich und ist nicht vorherzubestimmen. Abläufe, die nicht einer messbaren Zeit unterliegen, sind mit Wachsamkeit und einem “tieferen Hören” und nicht mit einer Uhr zu verfolgen. Auch ist es gut, wenn wir bereit sind uns überraschen zu lassen. Kairos kann wie ein Blitz erfolgen.

Am Samstag den 09.06.2018 um 16:00 Uhr geben Sie den Workshop: „Wach sein für den Moment“. Sie sagen, es geht darum sich in Selbstbestimmung zu üben, wie dürfen sich die Teilnehmer die Aufgaben dazu vorstellen?
„Wach sein für den Moment“ heißt, die nicht so leicht fassbaren Anzeichen für den besonderen Moment in uns kennenzulernen anstatt von außen festzulegen, dass ein Entfaltungsprozess auf eine vorhersagbare Weise abzulaufen hat. Da geht es um Intuition, um “den anderen wirklich zu hören”, um das Vernehmen der eigenen Herzenssprache und um die Achtsamkeit.
Mein Weg tangiert zumeist auch die Wege anderer, und darum ist es wichtig zu spüren, was beim anderen geschieht. Nicht, um dann das zu tun, was von mir erwartet wird, sondern um zu entdecken, was mir möglich ist, wenn ich den anderen erkenne und seine Position in meiner Entfaltung verstehe und in die Berechnung meines Weges hineinnehme.
Wir werden verschiedenen Übungen machen, besonders auch zu zweit und in kleinen Gruppen:
Augen lesen: einander in die Augen schauen und dabei versuchen zu verstehen, was in dem Moment geschieht.
Das Wort hinter dem Wort: untersuchen, was wir wirklich sagen wollen.
Bewusstseinsfluß: frei sprechen und sehen, was sich zeigen will.

Neben Ihrem Workshop sprechen Sie am Sonntag, den 10.06.2018 um 10:30 Uhr, zum Thema „Wenn sich der Himmel öffnet – die Kraft besonderer Momente im Schreiben“. Was bedeutet es für Sie als ehemaliger Dozent der Literatur, dass sich Ihnen der Himmel öffnet?
Ich möchte stärker als Schriftsteller statt als Dozent antworten. Als Schriftsteller lebe ich davon, dass sich der Himmel öffnet. Es reicht letztlich nicht, einen Text durch viel Denken auszubrüten und ihn dann zum Druck freizugeben. Er wird nicht tief hineinreichen in das Leben der Leserin und des Lesers, sondern nur im Sinne einer gedanklichen Beschäftigung für den Leser existieren. Als Schriftsteller habe ich aber den Wunsch, meine Leserinnen und Leser zu “berühren”, das heißt auf einer tieferen Ebene etwas anzustoßen – ihr Herz zu involvieren.
Dass sich der “Himmel öffnet” ist ein zweifaches Geschehen. Es ist ideal, wenn sich der Himmel für den Schreibenden beim Schreiben öffnet. Und es ist ideal, wenn dasselbe auch für den Leser beim Lesen geschieht. Damit das zweite geschehen kann, muss das erste geschehen. Dass sich der Himmel öffnet, ist eine Chiffre für das Erlebnis, in das man beim Schreiben für einen Moment oder auch für länger hineingenommen wird, in die Entfaltung des Lebens, in die Prozesse, die alle in uns stattfinden, die wir aber öfter nicht verstehen.
Der Himmel steht hier für den Ort, wo die Fäden zusammenlaufen und von wo aus wir uns selbst besser verstehen können. Man kann diesen Ort Gott nennen oder das Leben, die Weisheit des Lebens, den Sinn oder die Bedeutung. Es ist auch der Ort, wo wir das Empfinden haben, unser Leben ein wenig mehr in die Hand zu bekommen, also der Ort der Selbstbestimmung.

Das Schreiben ist für viele Menschen eine Möglichkeit besondere Momente aufzuarbeiten. Können Sie sich dem als freiberuflicher Schriftsteller anschließen? Wie viel fließt von persönlichen Ereignissen in Ihre Werke ein?
Für mich ist es lebenswichtig gewesen – und das schon seit über 50 Jahren – mich durch mein Schreiben in meinem Leben zu orientieren. Ich kann es mir kaum noch anders vorstellen. Was immer mir passiert verarbeite ich, indem ich darüber schreibend nachdenke.
Häufig empfehle ich Menschen zu schreiben. Nicht unbedingt, um zu veröffentlichen, aber um sich zurechtzufinden in ihrem eigenen Leben. Wir neigen dazu, etwas nur anzudenken. Gedanken kommen, durchziehen uns und werden oft schon nach Sekunden von neuen Gedanken abgelöst. So kann es einen ganzen Tag gehen, eine Woche, einen Monat, ein Jahr. Es fällt uns dabei oft nicht auf, dass es geschieht. Ich habe das Bedürfnis einen Gedanken zu Ende zu denken oder zunächst erstmal so weit zu denken, wie er unter den gegebenen Umständen zu denken ist. Um dieses disziplinierter zu tun, kann das Aufschreiben von großer Wichtigkeit sein. Ich merke buchstäblich, dass wenn ich einen Stift in der Hand halte – noch bevor ich schreibe – ich schon besser denken kann. Ich diszipliniere mich und denke Gedanken weiter, tiefer. Das gilt auch gerade dann, wenn wir besondere Momente aufarbeiten, wenn wir vor Problemen stehen, die schwer zu lösen sind. Dann ist das Schreiben eine große Hilfe. In dem begonnenen Text vor uns, sehen uns unsere nicht zu Ende gedachten Gedanken an und wollen weiterentwickelt werden.
Fast alles was ich schreibe ist persönlich. Es ist eine Reaktion auf meine Umwelt, auf meine Innenwelt. Ich nehme Stellung, aber eben nicht nur mit logischen Gedanken, sondern auch mit Bildern, mit Bildworten, mit Metaphern. Ich wähle Metaphern, weil sie eine Langzeitwirkung haben. Das ist das Geheimnis von Fabeln und Gleichnissen.
Ich beginne meistens bei mir, aber mich interessiert im Schreiben auch, inwieweit das, was ich schreibe, auch einen Allgemeinwert hat. Ist das, was ich erlebe, auch für andere wichtig und können meine Einsichten vielleicht für andere gültig sein? In diesem Sinne poste ich fast jeden Tag einen Text und eine Fotografie auf facebook – immer in der Hoffnung, dass der Text oder das Bild eine Bedeutung für zwei, zwanzig oder zweihundert haben möge. Dabei begleitet mich der Gedanke, dass ich gern auch mit meinem Schreiben eine Verschwörung der Hoffenden schaffen möchte. Mein Schreiben ist zwar persönlich, aber nicht Selbstbespiegelung, sondern der Versuch, die Welt zu lieben und sie durch diese Liebe zu gestalten.

Außerdem werden Sie am gleichen Sonntag nach dem Kongress noch den Post-Workshop: „Erkenntnismomente“ halten. Im Gespräch über Texte werden Sie Gespürtes in Antworten umwandeln. Was wird die Teilnehmer in diesem Workshop erwarten und können Sie uns schon verraten, über welche Texte sie sich austauschen werden?
Ich glaube, dass es besondere Momente gibt, in denen sich uns eine Erkenntnis sozusagen anbietet. Die Zeit ist reif. Etwas kommt zusammen und zeigt sich. Ich warte beim Schreiben auf diese Momente. Ich fördere sie auch, indem ich mich für sie bereit halte. Sie sind Kairos.
Diese Momente können plötzliche Eingebungen sein oder auch das Fazit einer längeren Beschäftigung mit einem Gedanken oder einem Problem. Die Antwort oder die neue Sichtweise ist in uns gereift und findet jetzt einen Ausdruck. Im Bereich der Erkenntnismomente ist viel möglich. Wir sind sozusagen Wanderer, die in jedem Moment den wunderbaren Weitblick erleben können. Plötzlich stehen wir am Meer oder in der weiten Prärie oder im Urwald. Plötzlich verstehen wir etwas neu im Bereich der Liebe, des Glaubens, der Verantwortung für die Welt. Es wird dadurch spannend, lebendig zu sein und sich auf diese Weise auszustrecken. Ich erlebe es fast jeden Tag neu. Wenn der Tag zu Ende geht und es ruhig wird, setze ich mich hin und warte auf diese besonderen Momente. Ich habe einen Stift in der Hand – ich schreibe sehr gern mit der Hand – und warte, was sich zeigen wird. Plötzlich ist ein Wort da oder ein halber Satz, der einen weiteren Satz nach sich zieht. Es ist ein Bild, ein Gedanke in dem Bild und langsam oder manchmal auch ganz schnell schält sich etwas heraus, was mir eine andere Sicht der Welt vermittelt. Auch nach buchstäblich Tausenden von Gedichten und Texten ist dies immer noch ein Moment großen Glücks.
Ich möchte die Teilnehmer an diesem Post-Workshop auch selbst etwas schreiben lassen, um diesen Prozess des nach-innen-Hörens auszuprobieren und zu fördern. Und ich hoffe, dass wir gemeinsam und ein jeder für sich diese Erkenntnismomente erleben werden in dem Workshop. Ich will versuchen die Atmosphäre dafür zu schaffen.

Ich werde mit ganz unterschiedlichen Texten arbeiten. Ich habe einige ausgesucht, die den Moment betonen, in dem diese Einsicht geschehen kann. Beim Auswählen der Texte ist mir aufgefallen, dass gerade die gewählten Texte wie Angelpunkte in meinem Leben sind. An ihnen habe ich mein Leben orientiert. Manche liefern bis heute noch Einsichten und Haltungen, auch wenn sie vor 20 oder 30 Jahren entstanden sind.
Einige meiner Texte, die wir besprechen wollen: Unermesslich, Plötzlich, Erfinderin neuer Lösungen, Brücken, In jedem Moment und den Text Plötzlich.

Plötzlich

Manchmal ist es nur
ein Geruch,
ein Wort, eine Farbe,
der Lichteinfall durch ein Fenster,
und plötzlich weiß ich,
dass es gut ist,
dass es gehen wird
trotz der Mühe
und Einsamkeit,

als wäre in dem Moment
eine Knospe aufgesprungen
und ein schwarzer Knoten gelöst.

Was ist der Unterschied zwischen Schriftstellern und einem Nicht-Schriftsteller bezüglich dieser Erkenntnismomente?
Ich glaube, der Unterschied ist geringfügig. Beide müssen sich um die Erkenntnismomente bemühen. Es geht bei beiden letztlich um das Engagement. Es ist wichtig, etwas wirklich zu wollen. Einsichten und Erkenntnisse sind auch Kinder des Wollens und des Bestrebens. Sie sind zwar auch Geschenke, aber es scheint, als wenn der/die Geschenke bekommt, der/die sich danach ausstreckt und sich für ihren Empfang vorbereitet.

Erfahren Sie hier mehr über Herrn Schaffer.