Ein Gespräch mit Dr. Elke Fein
Vortragstitel: „Halbzeit der Evolution – Ein- und Ausblicke aus einer integralen Weltsicht“
Referentin beim Heiligenfeld-Kongress 2026
Dr. Elke Fein ist Politik- und Sozialwissenschaftlerin sowie Geschäftsführerin des Instituts für integrale Studien (IFIS). Arbeitsschwerpunkte: traumainformierte politische Kulturforschung, Systemwandel, Russlandstudien, Erwachsenenentwicklung, Theorie und Praxis integraler Politik. Sie ist Autorin und baut derzeit eine Schule für integrale Politik auf.
Anita Schmitt hat mit ihr über ihre Erfahrungen, Überzeugungen und ihren Blick auf das diesjährige Kongressthema gesprochen.
Was wäre Ihnen wichtig, dass wir über Sie wissen? Stellen Sie sich kurz vor oder geben Sie uns einen Einblick in ihr Leben. Wer sind Sie eigentlich?
Ich bin Politologin mit einem Faible für die tieferen, unsichtbaren, kulturellen Bedingungen des Funktionierens (oder Nicht-Funktionierens) von Demokratien. Meine intensive Beschäftigung mit der russischen Gesellschaft, ihrer Geschichte und politischen Kultur (1992-20016) war in dieser Hinsicht sehr lehrreich.
Vor ca. 25 Jahren habe ich die integrale Theorie kennengelernt – ein neues Universum, das sehr hilfreich dabei ist, größere, komplexe Zusammenhänge zwischen verschiedensten Phänomenen zu erkennen und besser zu verstehen. Seitdem gilt meine Arbeit der Etablierung integraler Perspektiven in der Politik- und Sozialwissenschaft, sowie einer Weiterentwicklung und Vertiefung unserer demokratischen Politik in der Praxis.
2008 habe ich gemeinsam mit Kolleg:innen das Institut für integrale Studien gegründet, als einen passenden Rahmen für diese Arbeit, und bin seither dessen Geschäftsführerin. Hier erforschen wir u.a., wie das neue integrale Paradigma sich in verschiedenen Lebensbereichen auswirkt – und wie es dazu beitragen könnte, den multiplen großen Herausforderungen der „Polykrise“ angemessener zu begegnen. Mein Thema ist dabei vor allem die Politik, also die gemeinsame Gestaltung unserer Gesellschaften.
Was ist oder war Ihnen im Leben wichtig? Was war für Sie ein prägendes Erlebnis in ihrem Leben?
Seit mein Interesse für soziale, gesellschaftliche und politische Fragen als Jugendliche geweckt wurde (da war ich etwa 16), habe ich stets nach Wegen, neuen Ideen und Methoden gesucht, wie wir unsere Welt ein Stückchen besser machen können. Die Themen soziale Gerechtigkeit, ein gutes Miteinander und ganz allgemein ein gutes Leben für alle auf einem begrenzten Planeten standen und stehen dabei im Mittelpunkt.
Geprägt hat mich vor allem meine Sozialisation in einem von Jesuiten geführten Jugendbildungswerk, das sich der europäischen Verständigung über nationale, soziale und sonstige Grenzen hinweg verschrieben hatte. Dort habe ich auf vielfältige Weise erleben dürfen und verinnerlicht, dass wirksame Verständigungs- und Versöhnungsarbeit nicht über Absichtserklärungen oder Bekenntnisse in Sonntagsreden erfolgt, sondern über konkrete Zusammenarbeit an gemeinsamen Projekten. Gute Politik muss im Alltag der Menschen erfahrbar sein. – Und sie darf Freude und Spaß machen. Das tut insbesondere integrale Politik.
Und gute – integrale – Wissenschaft ist eingeladen, ihr zu dienen, also uns dabei zu unterstützen, unser Miteinander noch besser, freudvoller und regenerativer zu organisieren.
Was verbinden Sie mit dem diesjährigen Kongressthema „Wer sind wir eigentlich?…in Zeiten von“?
Das Thema lädt zur kollektiven Selbstreflektion ein, das finde ich großartig! Die gemeinsame Erkundung dessen, wer wir sind, wozu wir hier sind und wie wir gemeinsam die Welt zu einem besseren Ort machen können, ist heute wichtiger denn je. Denn wir sehen überall (in Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Gesundheit, Landwirtschaft und eben auch in der Politik), dass unsere zumeist (spät-) modernen Systeme nicht mehr rund laufen. Dass sie nicht mehr in der Lage sind, die – zum Teil durch sie selbst (und die durch sie unterstützten Verhaltensweisen) mitverursachten – Probleme in den Griff zu bekommen. Mit anderen Worten: unsere Systeme werden immer dysfunktionaler.
Und wie Einstein schon sagte: Um die Probleme, die ein bestimmtes Denksystem und seine Verhaltensmuster produziert hat, zu lösen, brauchen wir andere, neue Denk- und Verhaltensweisen. Dazu müßten wir dies aber zuerst einmal zur Kenntnis nehmen, also anerkennen, dass wir in einer Sackgasse stecken bzw. uns auf einen Abgrund zubewegen. Das System – also wir alle – müsste beginnen, sich selbst zu sehen und sich wohlwollend-kritisch zu reflektieren. Dann wäre der Schritt zu wirksamen Problemlösungen viel kleiner. Genau das passiert bisher aber noch nicht oder viel zu wenig. Insofern ist das Kongressthema eine sehr gute und passende Wahl.
Warum wollen Sie Teil des Heiligenfeld Kongresses sein?
Wie oben erwähnt halte ich einen größer angelegten Prozess der kollektiven Selbstreflektion für eine wichtige Bedingung dafür, unsere Gesellschaften – und die Welt insgesamt – aus der Sackgasse ihrer eigenen Selbstzerstörung zu führen. Das hat die westliche Welt in gewisser Weise verlernt.
Kürzlich las ich im Buch von Lucas Buchholz über die Kogi in Kolumbien, dass dieses indigene Volk jeden Abend ganz selbstverständlich zusammensitzt und sich Gedanken darüber macht, wie sie ihr Miteinander (das schließt auch das Miteinander mit Mutter Erde ein) verbessern könnten. Das schafft nicht nur eine lebendige Gemeinschaft, sondern auch eine klare Ausrichtung und ein starkes Feld kollektiver Intelligenz, aus dem heraus die Gruppe sich selbst und ihren Alltag im Dienst am größeren Ganzen stets neu organisiert.
Angesichts des diesjährigen Kongressthemas hoffe ich, dass wir beim Heiligenfeld-Kongress gemeinsam daran arbeiten können, so ein selbstreflexives Feld aufzubauen bzw. zu stärken und zu nähren und mit den wichtigen Themen unserer Zeit in Resonanz zu bringen.
- Was möchten Sie den Kongressteilnehmern schon jetzt mit auf den Weg geben?
Jede und jeder von uns ist eingeladen und aufgerufen, an diesem Prozess der Selbstreflektion mitzuwirken. Denn jede:r ist auf irgendeine Weise Teil der gegenwärtigen Systeme, von denen die meisten nicht mehr rund laufen. Viele von uns spüren das ja, z.B. in Form von Burnout, Depressionen, Sinnkrisen usw. Daher möchte ich dazu einladen, auf derartige Symptome sehr bewusst zu achten und nach den Botschaften zu forschen, die sie womöglich für uns alle bereithalten. Wo fühlt sich in meinem Leben etwas inkohärent an, nicht mehr stimmig? Wo tue ich womöglich Dinge nur aus Gewohnheit oder aus vermeintlichen Zwängen, mit denen sich meine innere Stimme (Seele!) eigentlich nicht wohlfühlt?
Jede:r von uns hat hier wichtiges beizutragen. Jede:r ist eingeladen, die eigenen Erkenntnisse und Erfahrungen einzubringen in den Prozess der kollektiven Selbstreflektion. So können wir gemeinsam damit beginnen, ein kohärenteres Feld aufzubauen, einen neuen, bunteren und robusteren sozialen Teppich zu weben, der den erwartbaren Stürmen besser standhält.