Interview mit Dr. Johanna L. Degen

Ein Gespräch mit Dr. Johanna L. Degen

Vortragstitel: Das Parasoziale Selbst
Referentin beim Heiligenfeld-Kongress 2026

Dr. Johanna Degen ist Medien- und Sozialpsychologin und habilitiert an der Europa-Universität Flensburg. Sie ist integrative Sexual- und Paartherapeutin und systemische Therapeutin. Ihre Forschung fokussiert sich auf Beziehungen und Intimität unter dem Einfluss digitaler Medien. Thematisch zählen dazu u. a. Online-Dating, Social Media, Subscription-Plattformen sowie parasoziale Beziehungen.

Beim Heiligenfeld Kongress 2026 widmet sich Frau Degen der Frage, wie Internetnutzung bislang überwiegend über starke Gewöhnung, suchtähnliches Verhalten oder Angst (FOMO) operationalisiert wurde aber aktuelle Forschung zeigt, dass es sich vielmehr um neuartige Formen von Sozialität handelt, in denen sich zentrale Mechanismen des sozialen Selbst unter den spezifischen Bedingungen digitaler Umgebungen verändern, etwa im Kontext von Social Media und KI-Nutzung. Dabei wird deutlich, dass sich sowohl der Kern des sozialen Selbst als auch die Organisation des Sozialen grundlegend verändern.

Anita Schmitt hat mit ihm über seine Erfahrungen, Überzeugungen und seinen Blick auf das diesjährige Kongressthema gesprochen.

 

Stellen Sie sich kurz vor oder geben Sie uns einen Einblick in ihr Leben. Wer sind Sie eigentlich?
Ich bleibe gerne etwas mystisch verschwommen, mit Persönlichem im Hintergrund, aber teile gerne vertrauliche Dinge, wo es hilfreich ist. Trotzdem frage ich zunächst: hilft es, oder stört es, wenn Sie (jetzt) mehr über mich wüssten? 

Was ist oder war Ihnen im Leben wichtig? Was war für Sie ein prägendes Erlebnis in ihrem Leben?
Mir ist es wichtig, das Leben nicht zu verpassen und dazu Rollen zu überwinden. Dazu stelle ich laufend Fragen an Konventionen und Erwartungen und versuche mit meinen Werten in Kontakt zu kommen und zu bleiben. Oft bedarf es dazu Brüchen mit Rahmenbedingungen und Struktur. Dazu lebe ich beispielsweise monateweise mit meinen Kindern im Bus, fahre trotz Schulpflicht nach Thailand, feiere Fehlzeiten in der Schule eher als „gute“ Noten, und sehe im kritischen Widerstand eine große und notwendige Ressource. Ich glaube, dass die Hälfte der Scheidungen verhindert werden könnte, wenn man Wände ziehen würde und Differenzierung leben könnte. Wenn Mütter Väter sein könnten und wir den Glauben an die Kernfamilie (endlich und endgültig) aufgeben würden. Das würde Familien und Kinderseelen retten und Patchworkfamilien erleichtern. Manche überlastete Bonusmutter, wäre wohl die coolste Tante, die im Bungalow nebenan wohnt. Bleibt widerständig und kreativ. 

Was verbinden Sie mit dem diesjährigen Kongressthema „Wer sind wir eigentlich?…in Zeiten von“?
Ich forsche seit vielen Jahren zum und im Cyberspace. Lange zum Thema Medienkompetenz in Therapie, Beratung und Bildung. Heute würde ich sagen, ich forsche zur Cyber-Entfremdung und ihren Folgen, immer noch mit Fokus auf Veränderung, aber eher mit dem Fokus auf dem kollektiven Abwenden und zuwenden zum sinnlich erlebten Leben und einer Form von Prudenz (Weltklugheit). Dabei treibt mich immer die Frage an: Wer sind wir eigentlich unter der Verzerrung von Beziehungen und Umfeld und wie kommen wir in den Kontakt mit dem hellen und barmherzigen Kern, von dem aus ich glaube, alle gerne agieren und wirksam für sich und andere wären. 

Warum wollen Sie Teil des Heiligenfeld Kongresses sein?
Wegen der Menschen, die ich interdisziplinär interessiert erlebe und die in meinem Herzensfeld praktisch arbeiten. Ich hoffe mit Empirie und praktischer Erfahrung im Bereich Sexualität und Paarbeziehungen zum Ganzwerden eines meiner Meinung nach fragmentierten Systems beitragen zu können.

Was möchten Sie den Kongressteilnehmern schon jetzt mit auf den Weg geben?
Ich wünsche uns allen den Glauben und Willen an Sinn und Wert; wir sind mehr als ein negativer ökologischer Fußabdruck, den es zu verringern gilt.