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14
Feb

Von der Heilkraft des Schönen – Drei Fragen an Prof. Dr. Rolf Verres

Zur Einstimmung auf seinen Plenumsvortrag „Von der Heilkraft des Schönen“ am 17. Mai im einzigartigen Regentenbau Bad Kissingens, haben wir ein Interview mit Prof. Dr. Rolf Verres geführt.

 

In Ihrer Vortragsbeschreibung sprechen Sie davon, dass unsere Seele Schönheit braucht und wir versuchen können diese selbst herzustellen. Aber wie können wir Schönheit in unserer Seeleselbst herstellen?

Es ist nicht mein primäres Ziel, selber Schönheit in der eigenen Seele herstellen zu wollen. Ich halte es für viel ergiebiger, sich für eine übergreifende Bewusstseinskultur einzusetzen, die zu einer gemeinsamen Wiederverzauberung der Welt beitragen will. Dann wird als Resonanzphänomen ganz von selbst auch eine Bewusstheit für eine Schönheit in der eigenen Seele aufkeimen, in der auch Schattenseiten Platz haben. In meinem Vortrag möchte ich zeigen, wie entsprechende Wechselwirkungen zwischen unserer Seele und unserer Umgebung funktionieren.

Was empfinden wir als schön und harmonisch, und mit welchen Perspektiven steuern wir unsere Wahrnehmung? Was spricht uns aus der Seele, was wollen wir ausblenden und möglichst von uns fernhalten? Welche Bedeutung hat das Licht im Unterschied zur Dunkelheit?

Je mehr wir uns auch mit dem Gegenteil von Schönheit befassen, umso deutlicher werden wir fließende Übergänge zwischen dem Schönen, dem Kitsch und dem Hässlichen erkennen.

Ich werbe also für eine neue Bewusstheit für Resonanzen und für eine immerwährende Annäherung an Ideale und Utopien. Entscheidend für das Empfinden von Schönheit ist die emotionale Bewertung dessen, was unsere Sinne wahrnehmen. Dabei kann ein möglichst freies Spiel zwischen Vernunft und Sinnlichkeit zu einer kompetenten Nutzung von Ästhetik in der Heilkunst beitragen.

Einen wichtigen Einstieg zum Empfinden von Schönheit bietet das Sich Wundern oder Staunen. Staunen zu können meint eine innere Haltung, in der wir uns durchlässig für Faszination fühlen. Schon Platon und Aristoteles beschäftigten sich mit der Möglichkeit, die Dinge vollkommener erscheinen zu lassen, als wir sie vorfinden. Hierzu können Inspirationen durch Kunst, Musik, Dichtkunst, psychoaktive Substanzen und das Träumen beitragen. Sehnsüchte und die Begeisterungsfähigkeit von Menschen führen nicht immer zur Erfüllung. Sie können vielfältig missbraucht werden und zu oberflächlich bleibenden Ersatzbefriedigungen verführen. Es gibt eine Tiefendimension der Schönheit. Am Beispiel der Portrait-Fotografie lässt sich gut veranschaulichen, wo die wirkliche, berührende und tragfähige Schönheit verborgen ist und wie man sie auch in der Psychotherapie unterstützen kann.

 

Was können die Teilnehmenden aus diesem Vortrag für sich mitnehmen?

Reifung bedeutet für den Menschen (im Unterschied zu Pflanzen), das eigene Leben so bewusst wie möglich als ein Gesamtkunstwerk zu gestalten. Schönheit kann in jedem Augenblick in der Wechselwirkung zwischen mir und meiner Umwelt neu entstehen oder sich wieder verflüchtigen. Gefühle wie Hoffnung und Dankbarkeit sind gut geeignet, sinnstiftende Verbindungen zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft tragfähig werden zu lassen.

Im Ausschreibungstext haben Sie angekündigt, dass es einen musikalischen Ausklang geben wird. Wie wird dies geschehen?

Ich werde am Konzertflügel versuchen, alles, was ich auf dem Kongress zum Thema „Reifung“ gehört habe, zusammenfassend in eine möglichst schöne Sprache von Musik umzusetzen.